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Der Standard

Gibson hat 2019 einige Klassiker in einer auch für Fans älteren Baujahres interessanten Form wieder aufgelegt. Über die Sturheit von Gitarristen wurde und wird viel geschrieben. Ist halt so, ich bin in den 60er und 70er Jahren aufgewachsen und die Helden dieser Zeit und später Gary Moore hatten oft Les Pauls umhängen.

Die "Standard" in der HCS Farbgebung entspricht halt genau dem Bild, das ich von einer klassischen Les Paul habe.

Eigentlich kaufe ich Gitarren in dieser Preisklasse nicht gerne, ohne sie vorher in der Hand gehabt zu haben, aufgrund der Corona Krise bliebt aber nur der Weg über den Online Shop. Die Gitarre wurde vom Thomann Team doppelt verpackt (Transportkarton mit Polstern, darin der Original Gibson Karton und darin der Gitarrenkoffer), das ist sehr gut und die Lieferung kam unbeschädigt an.

Der erste Eindruck beim Öffnen des Koffers war sehr gut. Saubere Lackierung, wirklich gut poliert. Ein winziger Farbfleck im Binding des Halses beim ersten Bund der tiefen E-Saite ist wirklich der einzige kleine Fehler, für mich kein Problem. Ich habe mir das Video der Gibson Factory Tour angeschaut und darin sieht man gut, wie Les Pauls lackiert, das Binding wieder freigelegt und die Instrumente danach poliert werden. Es ist doch noch viel Handarbeit dabei und es ist ein industrieller Herstellprozess eines Massenproduktes. Andererseits geben Musiker noch viel mehr Geld aus, um die Gitarren künstlich gealtert zu bekommen.

Zur Technik: Die Bundierung ist einwandfrei, die Oktavreinheit im Gegensatz zu meiner ebenfalls neu gekauften Les Paul Special sehr gut eingestellt, die Saitenlage war mir etwas zu niedrig und der Hals etwas gerade, was ich aber leicht korrigieren konnte. Die Mechaniken schauen "oldstyle" aus, funktionieren aber sehr leichtgängig. Der Sattel ist ordentlich bearbeitet, es klemmt nichts. Die Potis arbeiten präzise und sind auch klassisch verschaltet. Sie sind wirklich gut nutzbar, um den Grad der Verzerrung zu regeln, ich war früher ein "Volume voll auf" Spieler, nutze den Regler aber wenn er so wie bei der LP Standard funktioniert gerne als klangestaltendes Element.

Ich habe lange überlegt, ob ich ein 50s oder 60s Modell kaufe, bin dann letztlich beim 50s Modell hängen geblieben, obwohl die 60s Version der neuen Gibson Standard Serie auch ihren Reiz haben. Der Hals der 50s Les Paul ist massiv, nicht ganz so füllig wie bei der Les Paul Special, aber doch kräftig. Spielt sich aber für mich gut. Als von Fender-Instrumenten kommender Gitarrist, der auch viel Akustikgitarre spielt sind 10er Saiten auf 628er Mensur etwas dünn, die Les Paul ist aber so abgerichtet, dass man nicht einmal bei Chords auf den ersten Bünden Probleme mit der Stimmung bekommt. Saitenziehen funktioniert natürlich problemlos, auch aufgrund der ordentlichen Bearbeitung der Bünde.

Wie erwähnt, habe ich lange zwischen 50s und 60s Modell geschwankt. Das 60s Modell konnte ich in Treppendort ausprobieren und ich habe den Eindruck, dass die etwas "heißeren" Pickups der 60er Modelle auch etwas mehr Hochmitten oder Höhen bringen, kann mich aber auch täuschen. Die Pickups auf der 50s klingen auch viel frischer und "twangiger" als ich auf einer Les Paul erwartet habe. Ich habe immer wieder preiswerte Humbucker-Gitarren gespielt und wieder weggestellt, da der Klang gegen Fender Modelle einfach mumpfig war. Nicht so bei der Standard Les Paul. Scheint doch mit der Qualität des Holzes, der Tonabnehmer und vor allem der Potis zusammenzuhängen. Man bekommt auf der Les Paul sehr viele Klangvarianten hin - bis zu jazzigen Tönen auf dem Hals-Tonabnehmer mit etwas zugedrehtem Tone Poti. Es gibt interessante Videos, in denen Mr. Bonamassa vorführt, was man alles mit den vier Reglern einer Les Paul anfangen kann und das funktioniert sowohl mit der 50s, als auch mit der Special Les Paul.

Fazit nach wenigen Tagen: Eine tolle Les Paul, die "HCS" Lackierung ist einfach klassisch. Ich freue mich immer wenn ich den Koffer aufmache. Eines hätte ich fast vergessen - die 50s Les Paul ist schwer - ich habe sie nicht gewogen, aber 4kg dürfte sie mindestens haben. Aber das wollte ich, klassischer Aufbau, keine Löcher im Body. Dafür kommen umwerfende Töne heraus und das Sustain ist toll.

Der Koffer ist völlig in Ordnung, leider ist die Polsterung innen nicht mehr pink, sondern eher rot, was zur HCS Lackierung nicht so toll aussieht - aber das ist nicht wirklich gejammert.

Der Preis des Les Paul Standard Serie ist attraktiv. Etwas über 2.000€ sind immer noch eine Menge Geld, aber Les Pauls waren für mich zu D-Mark Zeiten jenseits der finanziellen Erreichbarkeit und zu €-Zeiten standen auch meist 3er oder 4er vorne bei vergleichbaren Instrumenten, ganz zu schweigen von den "CC" Serien. Für solche Fälle hat Gibson ja immer noch den Custom Shop. Mit der neuen Standard Serie hat man die Möglichkeit, ein gutes Instrument zu kaufen.