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Bedienung
Features
Sound
Verarbeitung

Roland FP 60 und FP 30

Seit vielen Jahren bin ich Besitzer und war zudem lange Zeit ein relativ puristischer Verfechter "echter" akustischer - auch historisch relevanter - Tasteninstrumente (Klavier, Cembalo, Clavichord). Als ich mich aus Mobilitätsgründen in den 90erjahren entschloss, mir mein erstes Digitalpiano/Stagepiano zuzulegen, wurde es ein Roland, weil es hieß, dort würden Samples echter Steinway-Flügel verwendet. Gegenüber den sich damals rasch verbreitenden Clavinovas und Stagepianos von Yamaha, deren perfekt-geleckt-obertönig-metallische Klangphilosphie, abgeleitet von der eigenen Produktion akustischer Flügel/Klaviere, ich schon seinerzeit - und bis heute - als relativ leblos empfand und daher nicht mochte, waren die Pianosamples von Roland durchweg sehr zufriedenstellend. Kurzzeitig hatte ich zwar auch einmal mit Kurzweil liebäugelt, aber da fand ich die Tastatur ziemlich unbefriedigend und habe es lieber gelassen.

Heute besitze ich ein Kawai ES 8, von dessen durchweg positiven Bewertungen ich mich habe leiten lassen, es ungeprobt zu kaufen, ein Roland FP 30 und seit Neuestem das Roland FP 60. Vom Kawai war ich eher etwas enttäuscht, weil die Pianosamples, wie bei Yamaha, nur von eigenen akustischen Instrumenten stammen, die einer ähnlichen, wenn auch nicht ganz so extremen Klangphilosophie folgen, und weil mir auch die weithin hochgelobte Tastatur nicht so liegt. Es mag wenig professionell klingen, aber die Kawai-Tastatur ist mir einen Tick zu träge.

Hingegen ist die Tastatur der der beiden FP?s von Roland für mein Empfinden perfekt. Man spürt die mechanischen Abläufe in den Fingern, spürt den Druckpunkt, der bei akustischen Flügeln und Klavieren die Mechanik unter eine gewisse Spannung setzt, bevor der Hammer gleichsam "abgeschossen" wird, und auch die mechanischen Geräusche tun ihr Übriges, um ein nahezu perfektes Spielgefühl zu erzeugen. Dass der Klang der Pianos, vor allem des Concert Pianos, der Dynamik des Anschlags folgend, von "warm-weich" zu "obertönig-hart" variiert, komplettiert das authentische Spielgefühl eines lebendigen (Steinway-?) Flügelklangs.

Letzteres gilt allerdings nur bedingt für das eingebaute Soundsystem; die Höhen und Mitten sind sehr gut, die Bässe etwas zu "schlank" und schwachbrüstig, wobei das FP 30 aufgrund seiner Bassreflexöffnungen an der Unterseite hier sogar etwas besser abschneidet als das FP 60, dessen 12x8 cm-Lautsprecher nur nach oben abstrahlen. In Verbindung mit guten PA-Anlagen, die ich auch zuhause in meinem Kellerstudio einsetze, oder mit guten Kopfhörern, die auch nächtliches Spielen ermöglichen, sind diese leichten klanglichen Einschränkungen aber nur von untergeordneter Bedeutung. Bei der Klangentfaltung des eingebauten Systems kann hingegen das Kawai punkten; hier braucht man - zumindest daheim - keine externe Verstärkung, um das volle Volumen der Klänge zu entfalten. Deshalb steht das Kawai bei mir "nur" noch im Wohnzimmer, im Übrigen auch, weil es mir für den mobilen Einsatz schlicht zu schwer ist. Da präferiere ich das 14 Kg leichte FP 30 von Roland.

Es fällt sicherlich auf, dass die übrigen Sounds und auch die sonstigen Features aller 3 Instrumente in meiner Bewertung keine Rolle spielen. Kurz: die Sounds variieren von sehr gut bis ok, finden aber bei mir höchstens ab und zu "just for fun" Verwendung. Einzig die Möglichkeiten des "Piano-Designers" beim Roland FP 60 und des noch differenzierteren "Virtual Technician" bei Kawai, mit denen die Pianosounds den individuellen Präferenzen bzw. den örtlichen Gegebenheiten beim mobilen Einsatz angepasst werden können (normalerweise aber nicht müssen), kommen mir als "Nur"-Pianisten entgegen. Alles Andere brauche ich nicht.

Resümierend kann ich festhalten: Wer vordergründig möglichst authentisch und kompromisslos Klavier spielen will und sich keinen (Steinway-) Flügel in die Wohnung stellen kann oder will, wer vielleicht auch auf eine gewisse Mobilität des Einsatzes Wert legt oder angewiesen ist, ist mit der hervorragenden Tastatur und dem ausgezeichneten Klang von Roland zurzeit am überzeugendsten bedient. Ich habe nichts Besseres gefunden. Übrigens: ich bin "nur" Amateur.

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